Ich war ein Kind mit dem Gesicht in den Blumen. Ich wollte alles ganz genau wissen und verstehen und konnte mich stundenlang mit Dingen beschäftigen, die für andere vielleicht völlig nebensächlich waren. Ich habe gemalt, gesungen und getanzt, war bei meinem Pferd, mit meinen Hunden beschäftigt oder in meiner eigenen Welt und konnte gleichzeitig still und wild, verträumt und neugierig, beobachtend und vollkommen versunken sein. Wenn ich heute darüber nachdenke, glaube ich eigentlich nicht, dass ich mich besonders verändert habe. Ich bin einfach erwachsen geworden und werde inzwischen ernster genommen, aber diese Neugier und Begeisterung für das Leben sind geblieben.
Vielleicht war diese Neugier auch der Grund dafür, dass ich mich nie besonders gut damit abgefunden habe, Dinge einfach zu glauben. Ich möchte verstehen, warum etwas so ist, bevor ich es für wahr halte, und ich glaube, dass das ein ziemlich wichtiger Teil meines Wesens ist. Das gilt für Philosophie genauso wie für Yoga, für meinen Körper genauso wie für das Leben. Bevor man sich einer Philosophie verschreibt, sollte man meiner Meinung nach zumindest ein grobes Bild von den großen philosophischen Ansätzen haben und verstehen, worüber man eigentlich spricht, sonst plappert man am Ende nur nach, was andere vor einem gesagt haben.
Bevor Yoga in mein Leben kam, war Bewegung bereits ein ziemlich großer Teil davon. Ich habe getanzt, bis ich wegen eines minimalen Hüftschiefstandes irgendwann das Handtuch geworfen habe, und danach begann ich zu laufen. Ich lief nicht einfach ein bisschen, ich rannte; um und für mein Leben, leidenschaftlich und oft in den Sonnenaufgang hinein, zwanzig Kilometer vor dem Frühstück waren für mich keine außergewöhnliche Vorstellung. Mein Vater war Marathonläufer und auch ich liebte dieses Gefühl der langen Strecken unter meinen Sohlen, dieses gleichmäßige Vorwärts, bei dem der Körper irgendwann seinen eigenen Rhythmus findet und man nicht mehr über jeden einzelnen Schritt nachdenken muss.
Irgendwann stellte ich allerdings fest, dass ich durch das Laufen meine Beweglichkeit verlor, und so kam Yoga eher zufällig in mein Leben. Damals war Yoga noch nicht im Mainstream angekommen und ich entdeckte bei Weiland, wo ich als frivoler Bücherwurm natürlich regelmäßig herumstöberte, eine Power-Yoga-DVD von Ursula Karven. Ich kaufte sie und begann zu üben. Einige Zeit später suchte ich nach Yogastudios, stellte aber ziemlich schnell fest, dass vieles sehr dogmatisch und religiös geprägt war, womit ich wenig anfangen konnte. Ich war nicht auf der Suche nach einem neuen Gott.
Was mich am Yoga vielmehr interessierte, war der Körper und die Möglichkeit, über ihn etwas über sich selbst zu erfahren. Ich glaube bis heute nicht, dass Yoga die einzige Bewegungsform ist, die einen meditativen Bewegungszustand hervorbringen kann; jeder Tänzer und jeder Läufer kennt diesen Moment, in dem Bewegung irgendwann nicht mehr aus einzelnen Entscheidungen besteht, sondern zu etwas wird, in dem man vollkommen aufgeht. Und auch die Vorstellung, Yoga hätte eine Moral erfunden, die es sonst nirgendwo gibt, überzeugt mich nicht. Die Yamas und Niyamas sind in vielem gar nicht so weit von anderen philosophischen oder religiösen Traditionen entfernt, denn bestimmte Grundsätze tauchen immer wieder auf, wenn Menschen darüber nachdenken, wie ein gutes und ehrenhaftes Leben aussehen könnte.
Ich glaube, dass wir sehr viel mehr gemeinsam haben, als wir manchmal denken, und dass es universelle Regeln dafür gibt, wie wir miteinander und mit uns selbst umgehen sollten. Wir haben immer die Wahl zwischen richtig und falsch, auch wenn der richtige Weg nicht immer der einfachste ist und sich manchmal sogar zunächst wie der unbequemere anfühlt. Aber es ist der Weg, der sich von innen gut anfühlt und nicht nur von außen gut aussieht. Für mich bedeutet im Licht zu gehen deshalb nichts Esoterisches. Es bedeutet, das Leben zu ehren, für das einzustehen, was gut ist, und die Welt ein kleines bisschen besser zu verlassen, als man sie vorgefunden hat.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich keine große Kapazität für das Böse habe. Tierleid und humanitäre Krisen müssen angesprochen werden, und für mich gibt es dort keine romantischen Grauschattierungen. Die Freiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. Mitgefühl bedeutet für mich nicht, dass wir alles hinnehmen müssen, und Freundlichkeit bedeutet nicht, dass wir keine Grenzen haben dürfen.
Ich kann überhaupt ziemlich direkt sein.
Das klingt vielleicht nicht nach einer besonders klassischen Yogalehrerin, aber ich halte wenig von dem Bild, dass wir als Menschen plötzlich nur noch aus Licht und Liebe bestehen, sobald wir Yoga unterrichten. Wir dürfen wütend sein, wir dürfen Grenzen setzen, wir dürfen uns gegen Dinge stellen, die wir falsch finden, und wir dürfen trotzdem versuchen, keinen Schaden anzurichten. Für mich passt deshalb ziemlich gut: Do no harm, but take no shit.
Yoga hat mein Leben trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – vollkommen verändert. Wenn ich heute auf mein Leben schaue, würde ich wahrscheinlich sagen: alles.
Denn Yoga hat mir nicht nur geholfen, meinen Körper wieder anders wahrzunehmen, sondern mir irgendwann auch eine Aufgabe gegeben. Als ich damit begann, wusste ich selbst nicht so recht, wo es hingehen sollte. Ich hatte Wirtschaftsingenieurwesen studiert, als Künstlerin gearbeitet und gemalt und hatte immer schon dieses Bedürfnis, etwas zu erschaffen. Mit Worten, mit Musik, mit bildender Kunst oder mit meinem Körper – vielleicht bin ich einfach in jeder Hinsicht eher künstlerisch begabt. Ich schaffe gerne, mit Geist und mit Körper, und eigentlich ist für mich alles Kunst.
Yoga wurde schließlich zu einer weiteren Form davon.
Heute bedeutet Yoga für mich einen fließenden Dialog zwischen Anspannung und Loslassen, zwischen Kontrolle und Vertrauen; diese süße Mitte, in der wir lernen können, im Auge des Sturms zu stehen. Mich interessiert dabei nicht ein einzelner Teil des Systems, sondern das Zusammenspiel aus allem: Bewegung, Körperwahrnehmung, Faszien, Nervensystem, Atem, Meditation, Stille und Selbstwahrnehmung.
Denn du bist dein Körper.
Deine Seele hat ihre Frequenz reduziert, um in diese Materie einzutauchen, und alles, was du durch diese Materie erfahren kannst, erfährst du durch ihn. Für mich ist der Körper deshalb nicht etwas, das wir ständig korrigieren, optimieren oder in eine bestimmte Form bringen müssen. Er ist der Ort, an dem wir unser Leben erfahren.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich meine Yogastunden nicht als Räume der Korrektur verstehe. Natürlich gibt es Anatomie und natürlich kann Ausrichtung sinnvoll sein, aber ich glaube, dass es zunächst viel wichtiger ist, überhaupt eine Sensibilität für den eigenen Körper zu entwickeln, zu spüren, wo man sich im Raum befindet und den eigenen Körper wirklich einzunehmen. Die neunzig Minuten auf der Matte sind vielleicht die einzigen neunzig Minuten am Tag, die zwischen Familie, Arbeit und all den anderen Verpflichtungen tatsächlich nur einem Menschen gehören: dir. Da muss nicht zusätzlich das Gefühl entstehen, etwas nicht richtig zu machen.
Ich möchte, dass du deinen Körper kennenlernst, anstatt ihn ständig zu beurteilen.
Und ich möchte, dass du nach einer Stunde nicht das Gefühl hast, endlich eine bestimmte Pose richtig ausgeführt zu haben, sondern dass du dich ein Stück freier fühlst, angekommen, bei dir und vielleicht sogar ein bisschen voller Hoffnung. Menschen haben mir nach meinen Stunden immer wieder genau das gesagt, und ich glaube, dass darin sehr viel von dem liegt, was ich mit Yoga eigentlich vermitteln möchte.
Es gibt einen Ort in dir, an dem du zuhause bist.
Das ist für mich mehr als eine schöne Metapher. Vielleicht ist es sogar der Kern dessen, was ich unter Yoga verstehe.
Denn Heimat war für mich lange Zeit etwas, das ich eher bei anderen Menschen beobachten konnte als in meinem eigenen Leben. Bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr bin ich vierzehnmal umgezogen. Es gibt deshalb für mich keinen einen Ort, an den ich zurückkehren könnte und der all meine Kindheit in sich trägt. Es gibt den Ort, an dem ich geboren wurde, den Ort, an dem ich als Baby wohnte, den Ort, an dem ich drei war, den Ort, an dem ich fünf war, den Ort, an dem ich Fahrrad fahren lernte, den Ort, an dem ich tanzen lernte, den Ort, an dem ich zur Schule kam, den Ort mit meinem ersten Pony und den mit meinem ersten Hund. Es gibt die Orte der ersten Dates, des Führerscheins und des ersten Autos, die Orte der ersten Erfolge und die Orte des Traumas. Bei mir sind das alles unterschiedliche Orte.
Es gibt keinen Ort, zu dem ich einfach nach Hause kommen kann.
Vielleicht musste ich deshalb lernen, Heimat in mir selbst zu finden.
Ich weiß nur, dass sich manche Dinge nicht von außen beschreiben lassen. Manche Dinge müssen wir von innen erfahren.
Das gilt für einen Ort. Für den Körper. Für Bewegung. Für Yoga. Und vielleicht auch für das Leben selbst.
Was ich Menschen mitgeben möchte, ist deshalb eigentlich ganz einfach: Du bist das Haus deiner Seele.
Du musst nicht perfekt sein. Du musst nicht gut genug werden. Du musst dich nicht in eine bestimmte Form bringen, um irgendwo dazuzugehören. Du darfst neugierig sein, widersprüchlich, laut oder leise, stark oder müde, ernst oder vollkommen albern. Du darfst Grenzen haben und trotzdem ein weiches Herz. Du darfst dich verändern und dabei derselbe Mensch bleiben.
Und vielleicht ist Yoga manchmal einfach die Möglichkeit, wieder nach Hause zu kommen.
Nicht an einen bestimmten Ort.
Sondern zu dir selbst.